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Mantelzell-Lymphom

Stand März 2012
Dies ist nicht die aktuelle Version. Siehe: Mantelzell-Lymphom

1Was ist das?

1.1Was ist ein Mantelzell - Lymphom?

Das Mantelzell-Lymphom gehört zu der Krankheitsgruppe ‚indolente Lymphome‘. Es handelt sich um eine bösartige Erkrankung der B-Lymphozyten, einer Untergruppe der weißen Blutkörperchen. Im Vergleich mit anderen Lymphomen in dieser Gruppe zeigt das Mantelzell-Lymphom einen aggressiveren Verlauf.

2Krankheitszeichen

2.1Welche Krankheitszeichen sind typisch?

Typisch für Patienten mit Mantelzell-Lymphom ist die Kombination der Vergrößerung von Lymphknoten und einer Vergrößerung der Milz. Bei 80 - 90 % der Patienten ist das Knochenmark betroffen. Da die Zellen des Blutes (Erythrozyten, Leukozyten und Thrombozyten) im Knochenmark gebildet werden, kann es zu einem Mangel an Blutzellen kommen. Bei 20 - 30 % der Patienten werden Zellen des Mantelzell-Lymphoms im Blut gefunden. Auch an anderen Stellen des Körpers kann sich das Mantelzell-Lymphom zeigen, z. B. im Darm oder in den Hirnhäuten.

3Untersuchungen

3.1Wie wird ein Mantelzell-Lymphom festgestellt?

Für die sichere Feststellung eines Mantelzell-Lymphoms ist die Untersuchung von Lymphknotengewebe erforderlich. Hierfür sollte ein vollständiger Lymphknoten im Rahmen einer kleinen Operation entfernt werden. Wenn ein betroffener Lymphknoten nur schwer zugänglich ist, z. B. im hinteren Bauchraum, kann alternativ eine Gewebeprobe entnommen werden. Diese Gewebeprobe kann auch aus dem Knochenmark gewonnen werden. Wichtig ist die Abgrenzung von anderen Lymphomen. Dazu gibt es zwei mögliche Untersuchungen:

  • Immunhistochemie zum Nachweis der Überexpression von CyclinD1

  • genetischer Nachweis einer Translokation t(11;14); diese Untersuchung wird mit der FISH Technik durchgeführt

Bei einem unklaren Befund kann es auch sinnvoll sein, Proben an einen weiteren Experten oder an ein anderes Institut zu schicken (Referenzbegutachtung, Zweitmeinung).

Zur Ausbreitung der Krankheit sind weitere Untersuchungen erforderlich, siehe Tabelle 1.

Tabelle 1: Erstuntersuchungen bei Patienten mit Mantelzell-Lymphom 

Untersuchung

Beschreibung

Anmerkungen

Krankengeschichte, Krankheitszeichen

insbesondere B Symptome

körperliche Untersuchung

einschließlich vollständigem Lymphknotenstatus

Blutuntersuchungen

  • großes Blutbild

  • BSG, Gesamteiweiß, Eiweiß-Elektrophorese

  • GOT, GPT, AP, Gamma-GT, Bilirubin, Kreatinin, Harnsäure, Blutzucker

  • LDH, Beta-2-Mikroglobulin

  • Quick-Wert, PTT

  • Immunglobuline quantitativ, zusätzlich Immunelektrophorese bei Verdacht auf Paraprotein

  • Immunphänotypisierung zum Nachweis von Lymphom-Zellen im Blut (leukämischer Verlauf)

Knochenmarkpunktion

  • Knochenmarkaspirat

  • Knochenmarkbiopsie

Computertomographie (CT)

Hals, Brustkorb, Bauchraum

bei Verlaufsuntersuchungen können alternativ Ultraschalluntersuchungen durchgeführt werden

Vor Beginn einer Behandlung sind Untersuchungen der Lungenfunktion und des Herzens (ÉKG, Echokardiographie) erforderlich. Sie dienen der Beurteilung von Risiken durch die Chemotherapie.

3.2Was bedeutet die Stadieneinteilung?

Da die Behandlung des Mantelzell-Lymphoms vom Ausbreitungsstadium abhängt, sind ausführliche Untersuchungen (Staging) unerlässlich, siehe Tabelle 1. Da bei Patienten mit Mantelzell-Lymphom oft bereits das Knochenmark befallen ist, liegt in den meisten Fällen ein Stadium IV vor, siehe Tabellen 2 und 3. Wenn Zellen des Mantelzell-Lymphoms im Blut nachweisbar, wird von einem leukämischen Verlauf gesprochen.

Tabelle 2: Bezeichnung der Stadien bei follikulären Lymphomen 

Bezeichnung

Beschreibung

I – IV

Stadium I ist das am wenigsten, Stadium IV das am weitesten fortgeschrittene Stadium

N

Lymphknotenbefall

E

Befall von anderen Organen

A

wenn keine B-Symptome bestehen

B

wenn B-Symptome bestehen

Tabelle 3: Stadieneinteilung beim Mantelzell-Lymphom 

Stadium

Beschreibung

I

Befall einer einzigen Lymphknotenregion (Stadium I/N) oder Vorliegen eines einzigen oder begrenzten Herdes außerhalb von Lymphknoten (I/E)

II

Befall von zwei oder mehr Lymphknotenregionen auf einer Seite des Zwerchfells (also oberhalb oder unterhalb des Zwerchfells) (II/N), oder von begrenzten Herden außerhalb von Lymphknoten (II/E) und Befall von einer oder mehrerer Lymphknotenregionen auf einer Seite des Zwerchfells (II/N/E)

III

Befall von zwei oder mehr Lymphknotenregionen auf beiden Seiten des Zwerchfells (III/N), oder Befall von begrenzten Herden und Lymphknotenbefall, so dass ein Befall auf beiden Seiten des Zwerchfells vorliegt (III/E oder III/N/E)

III1

Befall unterhalb des Zwerchfells, beschränkt auf die Milz, die Lymphknoten im Bereich des Truncus coeliacus (zöliakale Lymphknoten) und / oder die Lymphknoten im Bereich der Pfortader (portale Lymphknoten) allein oder gemeinsam

III2

Befall unterhalb des Zwerchfells mit Beteiligung von Lymphknoten im Bereich der Bauchschlagader, im Bereich der Blutgefäße des Darms, der großen Blutgefäße im Becken und / oder der Blutgefäße im Bereich der Leiste allein oder gemeinsam

IV

Befall von einem oder mehreren Organen außerhalb der Lymphknoten mit oder ohne Befall von Lymphknoten

Zusatzbezeichnungen

Zum Lymphgewebe gehören: Lymphknoten, Milz, Thymus, Waldeyerscher Rachenring, Blinddarm. Lymphknoten im Bereich des Halses, der Achselhöhlen oder der Leiste sowie die Vergrößerungen von Leber oder Milz gelten jeweils als eine Region.

Wenn ein Patient die allgemeinen Krankheitszeichen der B-Symptome (Gewichtsverlust, Fieber, Nachtschweiß) aufweist, erhalten die Stadien zusätzlich den Buchstaben ‚B‘. Wenn diese Krankheitszeichen nicht vorliegen, wird ein ‚A‘ hinzugefügt.

3.3Gibt es besondere Risikogruppen?

Außer den Stadien gibt es eine Reihe von Befunden, die Einfluss auf die Prognose von Patienten mit Mantelzell-Lymphom haben. Kürzlich wurde MIPI (MCL International Prognostic Index) vorgeschlagen. MIPI fasst die wichtigsten Faktoren zusammen, die einen Einfluss auf die Prognose von Patienten mit Mantelzell-Lymphom haben. Für die Berechnung wurde eine Internetseite eingerichtet, siehe Kapitel 7: Weitere Tipps?

Eine weitere, wichtige Information zur Beurteilung der Prognose ist der Marker Ki67. Er gibt in einer Gewebsprobe an, wie viele Zellen sich in der Wachstumsphase befinden. Die Untersuchung wird von den Pathologen an der Gewebsprobe durchgeführt.

Bei 10 - 15 % der Patienten mit Mantelzell-Lymphom verläuft die Krankheit nicht aggressiv, sondern langsam und schleichend. Diese besondere Gruppe von Patienten lässt sich nur am Verlauf der Krankheit in der Beobachtung über mehrere Monate erkennen.

4Behandlung

4.1Wie wird ein Mantelzell-Lymphom behandelt? Wann wird behandelt?

Patienten mit indolenten Lymphomen sollten, wenn immer möglich, im Rahmen von klinischen Studien behandelt werden. Ein Schema für die Entscheidung über die Behandlung ist in Abbildung 1 dargestellt.

Abbildung 1: Entscheidung über die Behandlung 
1 AZ - Allgemeinzustand

4.1.1Wie sieht die erste Behandlung in fortgeschrittenen Stadien aus?

Unterschieden wird zwischen jüngeren und älteren Patienten. Als Altersgrenze gelten 65 Jahre. Dazu kommt aber auch der allgemeine Gesundheitszustand.

  1. Bei jüngeren Patienten (Alter ≤ 65 Jahre) wird eine intensive Behandlung empfohlen. Dazu gehört zuerst eine Induktion mit R-CHOP, gefolgt von einer Hochdosistherapie mit autologer Stammzelltransplantation. Dieses Konzept führt zu einer deutlichen Verlängerung der Zeit bis zum Rückfall.

  2. Bei älteren Patienten (Alter > 65 Jahre) gibt es mehrere mögliche Behandlungen, sie sind in Tabelle 1 aufgelistet. An erster Stelle stehen R-CHOP und R-Bendamustin. R-FC wird vor allem für Patienten mit einem leukämischen Verlauf empfohlen, s. Kapitel 3.2. Die Mehrzahl der Patienten innerhalb von 3 Jahren einen Rückfall, bedingt durch die Aggressivität des Lymphoms. Eine Erhaltungstherapie mit Rituximab verlängert die Zeit bis zum Rückfall und die Überlebenszeit der Patienten.

  3. Bei der kleinen Gruppe von Patienten mit einem langsamen und schleichenden Verlauf ist eine sofortige Behandlung nicht erforderlich. Sie könnte mehr Schaden als Nutzen bewirken. Diese abwartende Haltung wird als ‚watch & wait‘ bezeichnet. Eine Behandlung wird erst begonnen beim Auftreten von Krankheitszeichen, die mit dem Mantelzell-Lymphom zusammenhängen.

Die verschiedenen Kombinationen und der Zulassungsstatus sind in den Tabellen 4 und 5 aufgeführt.

Tabelle 4: Möglichkeiten einer kombinierten Immunchemotherapie 

Schema

Medikamente

R-CHOP

Rituximab, Cyclophosphamid, Doxorubicin, Vincristin, Prednison

R-Bendamustin

Rituximab, Bendamustin

R-MCP

Rituximab, Mitoxantron, Chlorambucil, Prednison

R-FC(M)

Rituximab, Fludarabin, Cyclophosphamid, (Mitoxantron)

Tabelle 5: Medikamente und Stand der Zulassung 

Substanz

Zulassung

Anmerkungen

Bendamustin

Non - Hodgkin Lymphom

Chlorambucil

Non - Hodgkin Lymphom

Cyclophosphamid

Non - Hodgkin Lymphom

Doxorubicin

Wirkung in Phase III Studie gezeigt

Fludarabin

Wirkung in Phase III Studie gezeigt

Mitoxantron

Non - Hodgkin Lymphom

Prednison

Blutkrankheiten, Tumortherapie

Non - Hodgkin Lymphom

Rituximab

Erstlinie - Induktion: Wirkung in Phase III Studie in Kombination mit Chemotherapie gezeigt

Rezidiv / refraktär - Induktion: Wirkung in Phase III Studie in Kombination mit Chemotherapie gezeigt

Erhaltung / Konsolidierung: Wirkung in Phase III Studie als Monotherapie gezeigt

Temsirolimus

rezidiviertes oder refraktäres Mantelzell - Lymphom

Vincristin

Non - Hodgkin Lymphom

zugelassen; nicht zugelassen

4.1.2Wie wird bei einem Rückfall behandelt?

  1. Auch bei einem Rückfall wird eine Immunchemotherapie durchgeführt, wenn die Zeit zwischen der Rückbildung des Lymphoms nach der ersten Behandlung und dem Rückfall mindestens 6 Monate gedauert hat. Die Wahl der Medikamente im Rückfall hängt von der vorherigen Behandlung ab.

  2. Bei Patienten mit einem fortgeschrittenen Rückfall ist Temsirolimus wirksamer als die Behandlung mit einem Einzelmedikament aus der Gruppe der Zytostatika.

  3. Es gibt eine ganze Reihe von viel versprechenden, neuen Ansätzen. Dazu gehören Bortezomib,Thalidomid, Lenalidomid und ähnlich wirkende Medikamente. Allerdings liegen für diese Präparate noch keine vergleichenden Studien vor.

4.1.3Wie geht die Behandlung weiter?

  1. Wenn eine Hochdosistherapie mit autologer Stammzelltransplantation nicht bereits im Rahmen der ersten Behandlung durchgeführt wurde, sollte sie nach dem ersten Rückfall diskutiert werden.

  2. Bei einem Rückfall nach Hochdosistherapie kann bei jüngeren Patienten auch eine allogene Transplantation diskutiert werden. Vor einer solchen Transplantation wird als vorbereitende Behandlung keine erneute Hochdosistherapie, sondern eine weniger intensive Therapie empfohlen.

  3. Eine Erhaltungstherapie mit Rituximab hat in einer kleinen, vergleichenden Studie zu einer Verlängerung der Überlebenszeit geführt. In Einzelfällen kann Rituximab eingesetzt werden, das Medikament ist hierfür keine Zulassung.

  4. Alternativ kann auch eine Radioimmuntherapie diskutiert werden.

5Kontrollen

© klinik sonneneck wyk auf föhr

5.1Welche Kontrollen sind sinnvoll? In welchen Abständen?

Das Mantelzell - Lymphom ist eine chronische Krankheit. Ziele der Kontrollen sind die Erkennung von Komplikationen und Nebenwirkungen, die Kontrolle des Krankheitsverlaufs und die Erkennung eines Rückfalls. Die Verlaufskontrollen und die Nachsorge werden wie Patienten mit follikulärem Lymphom durchgeführt, siehe Mein Onkopedia ‚Follikuläres Lymphom‘.

6Kurzfassung

7weitere Tipps

Prognose - Index: www.european-mcl.net

Deutsche Leukämie-Lymphom-Hilfe,: http://www.leukaemie-hilfe.de

8Wer behandelt?

8.1Onkologische Zentren

Liste zertifizierter Onkologischer Zentren: https://www.onkologie-zertifizierung.de/

8.2DGHO Mitgliederdatenbank

8.3Links

Kompetenznetzwerk Maligne Lymphome

www.kompetenznetz-leukaemie.de

9Anschriften der Verfasser

Prof. Dr. med. Martin Dreyling
Klinikum der Universität München
Med. Klinik und Poliklinik III Großhadern
Marchioninistr. 15
81377 München
Prof. Dr. med. Christian Buske
Universitätsklinikum Ulm
Innere Medizin III
Inst. f. Experimentelle Tumorforschung
Albert-Einstein-Allee 11
89081 Ulm
Prof. Dr. med. Michael Herold
Helios Klinikum Erfurt GmbH
Onkologisches Zentrum
Nordhäuser Str. 74
99089 Erfurt
Prof. Dr. med. Mathias J. Rummel
Klinikum der Justus-Liebig-Universität Giessen
Medizinische Klinik IV
StiL-Studienzentrale
Klinikstr. 36
35392 Gießen

10Erklärungen zu möglichen Interessenkonflikten

nach den Regeln der DGHO Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie und den Empfehlungen der AWMF (Version vom 23. April 2010) und internationalen Empfehlungen

10[Kapitel nicht relevant]

Disclaimer

Patienten-Onkopedia richtet sich an Patienten, Angehörige und alle Interessierten. Es basiert auf den aktuellen Leitlinien der DGHO Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie e. V. für Ärzte, zusammengefasst in Onkopedia. Diese werden in Kooperation mit der OeGHO Österreichische Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie, der SGMO Schweizerische Gesellschaft für Medizinische Onkologie, der SGH+SSH Schweizerische Gesellschaft für Hämatologie und der GPOH Gesellschaft für Pädiatrische Onkologie und Hämatologie, erstellt. Fachbegriffe und Medikamente sind in einem getrennten Verzeichnis erklärt. Patienten-Onkopedia bietet Informationen, es ersetzt in keinem Fall die persönliche ärztliche Betreuung bei Erkrankung und Beschwerden.

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