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Erworbene Hämophilie und erworbenes von-Willebrand-Syndrom

Stand August 2026
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1Zusammenfassung

Die erworbene Hämophilie A (AHA) ist eine seltene, schwerwiegende Blutungserkrankung, verursacht durch Autoantikörper gegen den Gerinnungsfaktor VIII (FVIII). Das erworbene von-Willebrand-Syndrom (AVWS) beruht hingegen auf funktionellen oder strukturellen Defekten des von-Willebrand-Faktors (VWF), meist im Rahmen identifizierbarer Grunderkrankungen, darunter myeloproliferative Neoplasien, lymphoproliferative Neoplasien und kardiovaskuläre Erkrankungen.

Eine frühzeitige Diagnose ist entscheidend, da Blutungen sonst nicht adäquat behandelt werden und selbst kleinere Interventionen lebensgefährliche Blutungen auslösen können. Diagnostische Hinweise liefern Anamnese, körperliche Untersuchung sowie Gerinnungsparameter. Entscheidender Hinweis auf eine AHA ist die isolierte APTT-Verlängerung, die auf einer verminderten Aktivität von FVIII beruht. Die Diagnose wird durch Nachweis neutralisierender Anti-FVIII-Antikörper („Inhibitor“) im Bethesda-Test gestellt. Bei Verdacht auf AVWS werden VWF-Antigen, VWF-Aktivität, VWF-Multimeranalyse und in speziellen Fällen auch VWF-Kollagenbindung untersucht.

Typische klinische Manifestationen sind großflächige subkutane Hämatome (Ekchymosen) und Muskelblutungen bei AHA sowie Schleimhaut- und postoperative Blutungen bei AVWS. Zur Behandlung akuter Blutungen stehen Faktorenkonzentrate im Mittelpunkt. Die Überwachung der Therapie erfordert spezialisierte Laborteste und sollte hämostaseologisch erfahrenen Ärztinnen und Ärzten obliegen. Nach Entlassung sollten Patientinnen und Patienten (Pat.) an spezialisierte Zentren angebunden sein.

Zur Prophylaxe von Blutungen bei AHA sollte bis zum Erreichen der Remission Emicizumab gegeben werden (Off-Label-Einsatz). Die Immunsuppression bei AHA erfolgt wegen des Risikos schwerwiegender Nebenwirkungen erst nach initialer Stabilisierung des Pat.. Bei Pat. mit AVWS hängt die langfristige Therapie von der Grunderkrankung ab.

2Vorbeugung und Früherkennung

Eine frühzeitige Erkennung ist wichtig, um schwerwiegende Blutungen zu vermeiden. Ein verspätetes Erkennen der Erkrankung stellt den maßgeblichen Risikofaktor für ein unzureichendes Ansprechen auf die Behandlung dar [12]. Sowohl bei AHA als auch AVWS können selbst kleinere Eingriffe, wie z.B. die Anlage von zentralen Venenkathetern, zu lebensbedrohlichen Blutungen führen.

Eine diagnostische Abklärung sollte erfolgen bei

  • Pat. mit neu erworbener, klinisch relevanter Blutungsneigung

  • Pat. mit unklarer Verlängerung der aktivierten partiellen Thromboplastinzeit (APTT) oder einem Zufallsbefund von vermindertem FVIII oder VWF

  • Pat. mit AVWS-typischen Grunderkrankungen vor elektiven Eingriffen mit hohem Blutungsrisiko [3].

Die routinemäßige Untersuchung von Gerinnungswerten vor Operationen wird zunehmend kritisch gesehen, weil die Kosten-Nutzen-Relation ungünstig ist. Dennoch dürfen pathologische Werte vor invasiven Eingriffen nicht ignoriert werden, selbst wenn die Untersuchung nicht indiziert war.

Bei Pat. mit Nachweis oder Verdacht auf AHA oder AVWS sollte die Indikationsstellung für invasive Eingriffe immer mit erfahrenen Hämostaseologen besprochen werden, da die Blutungsneigung lebensbedrohlich sein kann und anhand der Laborwerte anfangs oft unterschätzt wird. Vermeidung von Blutungen hat höchste Priorität bei AHA und AVWS.

3Klinisches Bild

Blutungen treten spontan, durch Verletzungen oder nach operativen Eingriffen auf [45].

Typische Blutungsmuster sind:

  • Ekchymosen (vor allem AHA), oft großflächig, auch nach venöser Blutentnahme

  • Muskelhämatome bis hin zum Kompartmentsyndrom (AHA und AVWS). Eine Fasziotomie (Kompartmentspaltung) kann zu unkontrollierbaren lebensbedrohlichen Blutungen führen und sollte niemals ohne vorherige Konsultation eines erfahrenen Hämostaseologen erfolgen.

  • Postoperative Blutungen, oft zeitlich verzögert und schwer stillbar (AHA und AVWS)

  • Schleimhautblutungen, vor allem gastrointestinal und urogenital (vor allem AVWS, seltener bei AHA)

4Diagnose

Die Diagnosestellung erfolgt anhand von Anamnese und typischen Laborbefunden (Tabelle 1).

Tabelle 1: Basisdiagnostik bei V.a. AHA oder AVWS 

Diagnostik

Hinweise

Anamnese

Aktuelle und frühere Blutungen. Hinweise auf Grunderkrankung (Autoimmunerkrankungen, Malignome, insbesondere hämatologische Neoplasien, Schwangerschaft, bei AVWS auch kardiovaskuläre Erkrankungen)

Körperliche Untersuchung

Blutungszeichen. Ausdehnung von Hämatomen ggf. für Verlaufsbeurteilung markieren. Hinweise auf Grunderkrankung (Herzauskultation, Leber- und Milzgröße, Lymphknoten, Gelenke).

Gerinnungsparameter

Prothrombinzeit (bzw. Quick-Test), APTT, Fibrinogen

Faktor-VIII-Aktivität, VWF-Aktivität, VWF-Antigen

APTT-Mischversuch

Bei schweren Blutungen auch Faktor XIII

Spezialdiagnostik: siehe Kapitel 6.1 (AHA) und Kapitel 7.1 (AVWS)

Weiteres

Blutbild einschl. Differenzierung, Eisenstatus.

Serum-Eiweißelektrophorese, Test zum Nachweis eines Paraproteins (freie Leichtketten oder Immunfixation). Ggf. Bildgebung zum Nachweis einer Grunderkrankung.

Eine aktive, ausgedehnte Tumorsuche ist in der Situation einer schweren Blutung bei Erstdiagnose nicht hilfreich und wird erst empfohlen, wenn die akute Blutungsneigung unter Kontrolle gebracht wurde.

Bildgebung bei schwer beurteilbaren Blutungen oder Verdacht auf okkulte Blutungen.

5Grundsätze der Therapie

5.1Vermeidung von Blutungen

  • Keine operativen Eingriffe ohne Hinzuziehung eines erfahrenen Hämostaseologen, insbesondere keine Kompartmentspaltung bei Muskelblutungen oder Drainage von Hämatomen (hohes Risiko unkontrollierbarer, letaler Blutungen)

  • Absetzen bzw. kritisches Hinterfragen von antithrombotischen Medikamenten

  • Im ambulanten Bereich Anbindung an ein Hämophiliezentrum

  • Information von Pat. und Angehörigen über das Blutungsrisiko

  • Ausstellung eines Notfallausweises

5.2Management akuter Blutungen

Rein subkutane Blutungen müssen meist nicht hämostatisch behandelt werden, Muskel- und Organblutungen sind häufiger schwerwiegend und bedürfen einer hämostatischen Behandlung [6]. Bei der Unterscheidung zwischen subkutanen und muskulären Blutungen hilft neben der Inspektion und Palpation vor allem die Schmerzangabe des Pat. (intramuskuläre Blutungen sind meist schmerzhaft).

Bei klinisch relevanten und insbesondere bei schweren Blutungen wird unverzüglich eine hämostatische Therapie eingeleitet. Endoskopische oder chirurgische Interventionen zur Blutungsstillung können zwar sinnvoll sein, sollten aber erst erfolgen, nachdem die Gerinnungssituation des Pat. stabilisiert wurde!

Wichtiger Bestandteil des Managements ist die engmaschige klinische und labordiagnostische Überwachung des Ansprechens durch Ärztinnen und Ärzte mit hämostaseologischer Erfahrung [7]. Weitere Aspekte des Managements sind die Transfusion von Blutbestandteilen (Erythrozyten, Thrombozyten) sowie der Gerinnungsfaktoren der Endstrecke (v.a. Fibrinogen und Faktor XIII) nach Bedarf. Der Hb sollte in einer akuten Blutungssituation >9 g/dl gehalten werden.

5.3Therapie der Grunderkrankung

Die Therapie der zugrundliegenden Erkrankung spielt vor allem beim AVWS eine Rolle. Remissionen nach erfolgreicher Behandlung hämatologischer oder kardiovaskulärer Grunderkrankungen sind zwar beschrieben, bei akuten Blutungen ist in der Regel aber eine spezifische hämostatische Therapie erforderlich, da die Therapie der Grunderkrankung oft nicht kurzfristig verfügbar oder wirksam ist.

Bei AHA sollte die Indikationsstellung zur immunsuppressiven Therapie Überlegungen zur Therapie der Grunderkrankung mit einbeziehen. Das gilt insbesondere in Fällen, in denen eine zugrundeliegende Autoimmun- oder Tumorerkrankung sowieso eine medikamentöse Therapie verlangt, vor deren Hintergrund eine zusätzliche Immunsuppression wegen der AHA nicht unbedingt erforderlich oder riskant sein könnte.

6Erworbene Hämophilie A (AHA)

Die erworbene Hämophilie A (Acquired Hemophilia A, AHA) entsteht durch Autoantikörper gegen Gerinnungsfaktor VIII (FVIII) [8]. Die Bildung spezifischer Autoantikörper gegen andere Gerinnungsfaktoren (z.B. Faktor II, V, VII oder XIII) ist sehr selten [9].

Die Ursache der Autoantikörperbildung gegen FVIII bei der AHA ist unbekannt. 30-50% der Pat. entwickeln die AHA in Assoziation mit anderen Erkrankungen, darunter vor allem [10]:

  • Andere Autoimmunerkrankungen (z.B. chronische Polyarthritis, systemischer Lupus erythematodes)

  • Maligne Erkrankungen (solide Tumoren, selten lymphoproliferative Erkrankungen oder monoklonale Gammopathie unklarer Signifikanz (MGUS))

  • Schwangerschaft bzw. Postpartalperiode (bis zu 1 Jahr nach Entbindung)

  • Seltene oder kausal unsichere Assoziationen (Medikamente, Transfusion, Infektionen, Impfungen)

Häufig haben Pat. mit AHA andere Autoantikörper verschiedener Spezifität [11].

6.1Spezifische Diagnostik bei AHA

6.1.1APTT-Mischversuch

Leitbefund bei AHA ist die isolierte APTT-Verlängerung als Folge einer verminderten FVIII-Aktivität. Der APTT-Mischversuch kann helfen, den Verdacht auf einen neutralisierenden Antikörper (Inhibitor) zu erhärten und so die Verdachtsdiagnose einer AHA zu stellen. Dieser Schritt ist insbesondere sinnvoll, wenn eine FVIII-Bestimmung und ein Bethesda-Test nicht unmittelbar verfügbar sind [12].

Es werden angesetzt:

  • Patintenplasma (PP)

  • Standardhumanplasma (SHP)

  • Mischung PP / SHP = 1 / 1

Die APTT wird sofort und nach Inkubation bei 37 °C für 2 Stunden gemessen.

Die typischen diagnostischen Konstellationen sind in Tabelle 2 dargestellt.

Tabelle 2: Interpretation eines APTT-Mischversuchs 

Patientenplasma

Standardplasma

Mix

Messung sofort ohne Inkubation

  • Einfacher Faktorenmangel

Verlängert

Normal

Normal

  • FVIII-Inhibitor bei AHA

Verlängert

Normal

Leicht oder nicht verlängert

  • Lupus Antikoagulanz bei APS

Verlängert

Normal

Verlängert

Messung nach 2 Std. Inkubation bei 37 °C

  • Einfacher Faktorenmangel

Verlängert

Normal

Normal

  • FVIII-Inhibitor bei AHA

Verlängert

Normal

Stärker verlängert als ohne Inkubation („Progressiv-Inhibitor“)

  • Lupus Antikoagulanz bei APS

Verlängert

Normal

Verlängert

6.1.2Bethesda-Test

Dieser Test ist der Goldstandard in der Diagnose der AHA [13]. Der Nachweis von Anti-FVIII-Inhibitoren erfolgt heute in der Regel in der sog. Nijmegen-Modifikation:

  • Ansetzen einer geometrischen Verdünnungsreihe von Patientenplasma in FVIII-Mangelplasma

  • Mischung jeder Verdünnungsstufe mit einem gleichen Teil Standardhumanplasma

  • Inkubation bei 37 °C für 2 Stunden

  • Messung der residualen FVIII-Aktivität (Einstufentest oder Test mit chromogenem Substrat)

6.1.3ELISA

Die diagnostische Gleichwertigkeit der Bestimmung von Anti-FVIII-Antikörpern der Klasse IgG in der Diagnose der AHA wurde zwar gezeigt [14], der Test ist aber nur in Speziallaboren verfügbar.

6.2Spezifische Therapie bei AHA

6.2.1Hämostase-Therapie akuter Blutungen

Für die Therapie akuter Blutungen bei AHA sind Susoctocog alfa (rekombinanter porziner FVIII, rpFVIII), Eptacog alfa aktiviert (rekombinanter aktivierter FVII, rFVIIa) und aktiviertes Prothrombinkomplex-Konzentrat (APCC) zugelassen [15]. Humane FVIII-Konzentrate werden nur im Notfall eingesetzt, wenn die zugelassenen Alternativen nicht verfügbar sind [1]. Dosierungen und Hinweise zur Überwachung gibt Tabelle 3.

Tabelle 3: Hämostatische Therapie bei AHA 

Medikament

Dosis

Intervall

Hinweis

Rekombinanter porziner Faktor VIII (rpFVIII, Susoctocog alfa)

Initial 200 E/kg, Folgedosen 50-100 E/kg

Alle 3-12 h

Engmaschige Überwachung der FVIII-Aktivität (Tal- und Spitzenspiegel). Talspiegel bei schweren Blutungen >80%, bei nicht schweren Blutungen >50%.

Rekombinanter aktivierter Faktor VII (rFVIIa, Eptacog alfa aktiviert)

90 µg/kg, bei unzureichender Wirkung bis 180 µg/kg

Alle 2-3 h, nach Ansprechen Intervall sukzessive verlängern

Kein Labormonitoring. Ansprechen wird klinisch beurteilt.

Aktiviertes Prothrombinkomplex-Konzentrat (APCC)

50-100 E/kg

Initial alle 8-12 h, maximal 200 E/kg pro Tag

Kein Labormonitoring. Ansprechen wird klinisch beurteilt. Keine Kombination mit Emicizumab!

Humane Faktor VIII Konzentrate

50-100 E/kg

Nach Ansprechen

Nur im Notfall, wenn zugelassene Optionen nicht verfügbar. Engmaschige Überwachung der FVIII-Aktivität

Tranexamsäure

500-1000 mg

Alle 6-12 h

Unterstützende Maßnahme. Vorsicht bei Pat. mit erhöhtem Thromboserisiko. Dosisanpassung bei Niereninsuffizienz.

Hinweise zu Susoctocog alfa: Das Medikament sollte nur in Zentren angewendet werden, in denen ein engmaschiges Monitoring der FVIII-Aktivität zur Verfügung steht. Dies erfolgt zu Beginn vor und 30 min nach jeder Bolusgabe. Das Monitoring erfolgt mit dem FVIII-Einstufentest (FVIII-Clot); sofern Pat. Emicizumab erhalten haben, erfolgt das Monitoring mit dem chromogenen FVIII-Test, in dem die Aktivität von Susoctocog alfa allerdings um ca. 50% unterschätzt wird. Wiederfindungsrate und Halbwertzeit sind sehr variabel [16]. Eine einfache Pharmakokinetik-App kann als Dosierungshilfe genutzt werden (https://tiede.shinyapps.io/RPFVIII_PK/) [17]. Bei bedrohlichen Blutungen wird anfangs ein Talspiegel von >80% empfohlen; bei weniger schwerwiegenden Blutungen >50%. Die Dauer der Therapie richtet sich nach dem klinischen Verlauf der Blutungsmanifestationen und der Wundheilung. Eine zu frühe Beendigung kann zu Blutungsrezidiven führen. Unter der Therapie mit Susoctocog alfa kann eine Immunisierung gegen den porzinen FVIII entstehen, die dann die Therapie wirkungslos macht.

6.2.2Prophylaxe von Blutungen mit Emicizumab

Emicizumab ist ein bispezifischer monoklonaler Antikörper, der die Funktion von aktiviertem Faktor VIII nachahmen kann. Emicizumab ist für die angeborene Hämophilie A mit und ohne neutralisierende Antikörper gegen FVIII zugelassen [18]. Der Einsatz bei AHA ist außerhalb der Zulassung und wird aufgrund von zwei klinischen Studien empfohlen [1920].

6.2.2.1Dosierung von Emicizumab bei AHA
  • 6 mg/kg s.c. Tag 1

  • 3 mg/kg s.c. Tag 2

  • 1,5 mg/kg s.c. einmal wöchentlich ab Tag 8

Emicizumab kann parallel zur hämostatischen Akuttherapie von Blutungen begonnen werden, wenn diese mit rpFVIII oder rFVIIa erfolgt. Eine Kombination mit APCC ist kontraindiziert!

Stabile Spiegel von Emicizumab werden innerhalb einer Woche erreicht [20]. Die Halbwertzeit beträgt 28 Tage.

Emicizumab allein ist für schwerwiegende akute Blutungen nicht ausreichend. Sollte es unter Emicizumab zu Durchbruchsblutungen kommen, wird zusätzlich rpFVIII oder rFVIIa unter engmaschiger Überwachung gegeben.

6.2.2.2Laborwerte unter Emicizumab

Emicizumab bewirkt eine Verkürzung der APTT und eine Erhöhung der FVIII-Aktivität im Clot-Test (Einstufentest), die stärker ist, als es seiner tatsächlichen Wirksamkeit entspricht [21]. APTT und FVIII-Clot-Test sind deshalb unter Emicizumab nicht verwertbar. Die tatsächliche FVIII-Aktivität des Pat. und der Inhibitor (Bethesda Assay) können mit einem chromogenen Test mit bovinen Komponenten bestimmt werden (Spezialanforderung an das Labor).

Bei üblicher Emicizumab-Wirkung ist die APTT normwertig oder sogar verkürzt. Ein Ausbleiben oder Nachlassen dieser Wirkung kann Hinweis auf (sehr selten auftretende) Anti-Drug-Antibodies (ADA) sein [22].

Ein Monitoring der Emicizumab-Konzentration ist über modifizierte FVIII-Aktvitätsteste möglich [23].

6.2.3Immunsuppression bei AHA

Ziel der immunsuppressiven Therapie (IST) ist das Erreichen einer Remission. Es sind definiert:

  • Partielle Remission (PR): FVIII >50% und keine Blutung 24 h nach Absetzen der hämostatischen Therapie

  • Komplette Remission (CR): Kriterien für PR und zusätzlich Inhibitor negativ, IST abgesetzt bzw. reduziert auf Dosierungen, die schon vor der AHA wegen Begleiterkrankungen gegeben worden waren [1].

Die Zeit bis zum Erreichen einer PR und CR ist sehr variabel (Wochen bis Monate). In der Zeit bis zur Remission sollte Emicizumab zur Verhinderung von Blutungskomplikationen gegeben werden [24].

Es ist gut dokumentiert, dass die meist älteren und schwerkranken Pat. mit AHA ein hohes Risiko tödlicher Infektionen und anderer Komplikationen unter IST haben [2528]. Es wird deshalb empfohlen, eine IST unter Emicizumab-Prophylaxe erst dann anzubieten, wenn der Patient sich von der akuten Erkrankung ausreichend erholt hat (WHO-Status ≤2) [29].

Die Verzögerung der IST unter Schutz von Emicizumab hat in der GTH-AHA-EMI Studie zu einer signifikanten Reduktion der Mortalität beigetragen [30].

In der IST kommen Glukokortikoide, Rituximab, Cyclophosphamid und Mycophenolat mofetil (MMF) zum Einsatz [1][3032]. Seit der Einführung von Emicizumab in die Behandlung der AHA wurde noch kein neuer internationaler Konsens zur IST publiziert. Im Nachfolgenden ist deshalb das Vorgehen von Dobbelstein et al. exemplarisch wiedergegeben [32].

6.2.3.1Erstlinie

Pat. mit niedrigem Inhibitor (≤20 BE/ml) und nachweisbarem FVIII (≥1 %):

  • Glukokortikoide allein (z.B. Dexamethason 40 mg p.o. Tag 1 bis 4)

  • Bei Nichtansprechen Wiederholung Tag 15-18

Pat. mit höherem Inhibitor (>20 BE/ml) oder nicht nachweisbarem FVIII (<1%):

  • Glukokortikoide (z.B. Dexamethason 40 mg p.o. Tag 1-4 und Tag 15-18)

  • Rituximab 375 mg/m2 Tag 1, 8, 15 und 22

6.2.3.2Zweitlinie

Bei ausbleibendem Ansprechen innerhalb von 3-4 Wochen nach einer Erstlinientherapie sollte bei gutem Allgemeinzustand des Pat. die IST eskaliert werden. Bei Pat., die in der Erstlinie nur Glukokortikoide erhalten haben, bietet sich die Hinzunahme von Rituximab an. Bei Pat., die in der Erstlinie bereits Rituximab erhalten haben, bietet sich die Gabe von Cyclophosphamid oder MMF an.

6.2.3.3Andere Konzepte

Als Alternative zur oben aufgeführten Erstlinientherapie kommt auch das CyDRi-Schema in Betracht [32]:

  • Cyclophosphamid 1000 mg i.v. Tag 1 und 22

  • Dexamethason 40 mg i.v. Tag 1, 8, 15 und 22

  • Rituximab 100 mg i.v. Tag 1, 8, 15 und 22

  • Bei Bedarf Wiederholung des gesamten Zyklus ab Tag 43

Bei therapieresistenter AHA könnten gemäß einzelner Fallberichte immunmodulatorische Therapien mit neuen Wirkprinzipien geeignet sein:

  • Daratumumab (Antikörper gegen CD38 auf Plasmazellen) [33]

  • Bortezomib (Proteasom-Inhibitor mit Wirksamkeit auf Plasmazellen) [34]

  • Anti-CD19-CAR-T-Zelltherapie [35]

  • Teclistamab (Anti-BCMA T-Zell-engagierender bispezifischer Antikörper)

6.3Nachsorge bei AHA

Bis zum Erreichen einer stabilen CR wird eine engmaschige Überwachung von Pat. mit AHA empfohlen. Da ca. 20% der Pat. nach PR und noch einmal 20% nach CR ein Rezidiv erleiden, ist die Überwachung für mind. 1 Jahr nach CR ratsam (Tabelle 4) [1].

Tabelle 4: Überwachung bei AHA 

Phase

Häufigkeit

Untersuchungen

Unmittelbar nach Erstdiagnose

Anfangs täglich, nach Stabilisierung alle 3-4 Tage

Wöchentlich

Blutbild, Gerinnung einschl. FVIII-Aktivität und Inhibitor*

Nach Entlassung und während IST

Wöchentlich

Blutbild, Gerinnung einschl. FVIII, Inhibitor, Nebenwirkungen der IST erfassen

Nach Erreichen einer PR

Monatlich in den ersten 6 Monaten

Alle 2-3 Monate im 1. Jahr

Alle 6 Monate im 2. Jahr

Gerinnung einschl. FVIII

* unter Therapie mit Emicizumab müssen FVIII-Aktivität und Inhibitor mit Testen mit bovinen Reagenzien bestimmt werden.

7Erworbenes von-Willebrand-Syndrom (AVWS)

Das erworbene von-Willebrand-Syndrom (acquired von Willebrand Syndrome, AVWS) resultiert aus Funktions- und Strukturstörungen des von-Willebrand-Faktors (VWF), für die meist eine Ursache identifiziert werden kann. Der Pathomechanismus und wichtige diagnostische Merkmale sind spezifisch für die jeweilige Grunderkrankung (Tabelle 5) [3].

Tabelle 5: Ursachen und Pathomechanismen des AVWS 

Grunderkrankung

Mechanismus

Charakteristische Merkmale

Myeloproliferative Neoplasien

Adsorption und Degradation des VWF an vermehrte oder veränderte Thrombozyten oder Leukozyten

VWF normal oder vermindert. Verlust oder Verminderung der hochmolekularen VWF-Multimere

Lymphoproliferative Erkrankungen (z.B. monoklonale Gammopathie, M. Waldenström)

Komplexbildung und verstärkte Clearance des VWF, selten spezifische Autoantikörper

VWF (und konsekutiv auch FVIII) meist stark vermindert. Gestörte VWF-Multimer-Struktur.

Kardiovaskuläre Erkrankungen (z.B. Aortenklappenstenose, Herzunterstützungssysteme, extrakorporale Membranoxygenierung)

Erhöhter Scherstress und nachfolgend verstärkte proteolytische Spaltung durch ADAMTS13

VWF meist erhöht. Verminderung oder Verlust der hochmolekularen Multimere

Hypothyreose, Medikamente (z.B. Valproinsäure)

Verminderte VWF-Synthese

VWF leicht oder mäßig vermindert. VWF-Multimere normal.

7.1Spezialdiagnostik bei AVWS

Die Labordiagnostik des AVWS ist anspruchsvoll, weil kein Test für sich allein diagnostisch ist und einige der Teste nur in spezialisierten Laboratorien mit entsprechender Verzögerung durch Transportzeiten angeboten werden [3]. Die FVIII-Aktivität kann vermindert sein, wenn die VWF-Werte stark vermindert sind.

Tabelle 6: Laborparameter bei AVWS 

Grunderkrankung

Antigen

(VWF-Ag)

Aktivitätsteste

(VWF-Akt, VWF-CB)

Multimer-Muster

Myeloproliferative Neoplasien

Normal oder vermindert

Normal oder vermindert (Ratio kann vermindert sein)

Verminderung oder Verlust der hochmolekularen Multimere

Lymphoproliferative oder Autoimmun-Erkrankungen

Normal oder vermindert

Normal oder vermindert (häufig stark vermindert, konsekutiv dann auch FVIII niedrig)

Verminderung oder Verlust der hochmolekularen Multimere, charakteristische Störung des Bandenmusters

Kardiovaskuläre Erkrankungen

Normal oder erhöht

Normal oder vermindert (Ratio oft vermindert)

Verlust der hochmolekularen Multimere

Hypothyreose, Medikamente (z.B. Valproinsäure)

Vermindert

Vermindert (Ratio normal)

Meist normal

Ratio: VWF-Akt / VWF-Ag bzw. VWF-CB / VWF-Ag

7.2Spezifische Therapie bei AVWS

7.2.1Hämostatische Therapie bei AVWS

Sie wird zur Therapie akuter Blutungen, aber auch für die perioperative Prophylaxe eingesetzt, wenn Operationen erforderlich sind, ohne dass zuvor durch Therapie der Grunderkrankung eine Remission des AVWS erzielt werden kann.

Die Optionen für die hämostatische Therapie bei AVWS sind in Tabelle 7 zusammengestellt [3]. Ein Monitoring der Therapie ist nur möglich, wenn VWF-Parameter vor Therapiebeginn vermindert waren (vergleiche Tabelle 6). Ist das nicht der Fall, muss das Ansprechen der Therapie nach klinischen Kriterien beurteilt werden.

Tabelle 7: Hämostatische Therapie bei AVWS 

Medikament

Dosis

Intervall

Hinweis

VWF-haltige Konzentrate (rekombinant oder plasmatisch)

50-100 E/kg

Alle 3-12 h

Engmaschige Überwachung des klinischen Ansprechens.

Desmopressin

0,3 µg/kg

Alle 12-24 h

Wirksamkeitsverlust nach einigen Tagen. Kardiovaskuläre Risiken beachten! Überwachung Serum-Natrium und Volumenstatus!

Intravenöse Immunglobuline

0,5-1 g/kg für 2-4 Tage

Je nach individuellem Bedarf und Wirkdauer

Nur wirksam bei AVWS infolge lymphoproliferativer Erkrankungen (IgG-MGUS, teilweise auch IgM-MGUS). Ansprechen meist nach einigen Tagen. Wirkdauer bis zu 3 Wochen

Tranexamsäure

500-1000 mg

Alle 6-12 h

Unterstützende Maßnahme. Vorsicht bei Pat. mit erhöhtem Thromboserisiko.

Rekombinanter aktivierter Faktor VII (rFVIIa, Eptacog alfa aktiviert)

90 µg/kg

Alle 2-3 h, nach Ansprechen Intervall sukzessive verlängern

Reservemedikament bei Versagen anderer Optionen. Vorsicht bei Pat. mit erhöhtem Thromboserisiko.

7.2.2Immunsuppressive Therapie bei AVWS

Eine immunsuppressive Therapie ist nur in seltenen Fällen indiziert, z.B. bei AVWS durch Anti-VWF-Antikörper im Rahmen einer Autoimmunerkrankung. In der Regel steht die Therapie der Grunderkrankung im Vordergrund.

7.2.3Therapie der Grunderkrankung bei AVWS

Die Therapie der Grunderkrankung kann zu einer Remission oder Besserung des AVWS führen, ist aber je nach Grunderkrankung unterschiedlich erfolgversprechend. Maßnahmen zur Therapie der Grunderkrankung sollten interdisziplinär besprochen werden und dabei sind sowohl die Prognose der Grunderkrankung als auch die Aussichten einer Verbesserung der Blutungsneigung in Betracht ziehen.

7.2.3.1Myeloproliferative Neoplasien

Myeloproliferative Neoplasien haben grundsätzlich ein erhöhtes Thrombose- und ein erhöhtes Blutungsrisiko [3637]. Ein AVWS besteht häufig bei stark erhöhten Thrombozytenzahlen [38] im Rahmen einer essentiellen Thrombozythämie oder einer primären Myelofibrose. Hier kommt am ehesten eine zytoreduktive Therapie mit Hydroxycarbamid in Frage, da diese meist zu einer Abnahme der Thrombozytenzahl und zu einer Remission oder Besserung des AVWS führt [39]. Für Tyrosinkinase-Inhibitoren, Interferone oder Anagrelide ist dies nicht gut belegt.

7.2.3.2Lymphoproliferative und Autoimmun-Erkrankungen

Die häufigste Grunderkrankung eines AVWS in dieser Gruppe ist die monoklonale Gammopathie unklarer Signifikanz [3]. Ein AVWS tritt sowohl bei IgM-MGUS als auch bei IgG-MGUS auf. Es wird angenommen, dass entweder das Paraprotein selbst oder ein davon unabhängiger Autoantikörper das AVWS verursacht [40].

Eine klinische relevante Blutungsneigung bei AVWS begründet – analog zu anderen Organmanifestationen – die Diagnose einer monoklonalen Gammopathie mit klinischer Signifikanz (MGCS) und die sich daraus ableitende Therapieindikation [41]. Bortezomib- oder Daratumumab-basierte Regime wurden in dieser Situation erfolgreich angewendet, sind aber off-label [4243] (siehe auch Onkopedia Leitlinie MGUS).

Bei AVWS im Rahmen eines B-NHL (am häufigsten lymphoplasmozytisches Lymphom/M. Waldenström) oder eines multiplen Myeloms erfolgt die Therapie entsprechend den Standards für diese Erkrankungen.

7.2.3.3Kardiovaskuläre Erkrankungen

Am häufigsten innerhalb dieser Gruppe finden sich die Aortenklappenstenose und dysfunktionale Aortenklappenprothesen [44]. Eine Besserung oder Remission des AVWS ist nach einem erfolgreichen konventionellen biologischen oder mechanischen Aortenklappenersatz und nach Transkatheter-Aortenklappenimplantation (TAVI) berichtet [4445]. Eine schwere Blutungsneigung kann auch dann eine Indikation zum Klappenersatz darstellen, wenn die Aortenklappenstenose nicht hämodynamisch schwerwiegend (Gradient <40 mm Hg oder Öffnungsfläche >1 cm2) oder asymptomatisch ist. Wenn nach einem Aortenklappenersatz ein AVWS weiterhin besteht oder neu auftritt, kann eine Dysfunktion der Prothese ursächlich sein [46].

Pat. mit Herzunterstützungssystemen (z.B. left ventricular assist device, LVAD) oder mit extrakorporaler Membranoxygenierung (ECMO) haben sehr häufig ein AVWS [4749]. Nach Entfernung kommt es in der Regel zu einer Remission des AVWS. Da eine Entfernung erst mit einer Herztransplantation bzw. nach Stabilisierung der kardialen bzw. respiratorischen Situation möglich ist, ist das Management der Blutungsneigung meist symptomatisch. Es hat sich bewährt, zunächst die antithrombotischen Medikamente (Azetylsalizylsäure, Clopidogrel, Heparine, Vitamin-K-Antagonisten) zu reduzieren oder abzusetzen und – sofern das nicht ausreicht – zusätzlich VWF-Konzentrate zu geben [3]. Die enge interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Intensivmedizinern, Herzchirurgen und Hämostaseologen ist notwendig.

7.3Nachsorge bei AVWS

Nachsorgeintervalle bei AVWS hängen von der Grunderkrankung und der Blutungsneigung ab. In der Regel sind Verlaufskontrollen einmal pro Jahr sowie immer vor interventionellen Eingriffen ratsam.

8Zugelassene Arzneimittel

Zugelassen für die Behandlung von Blutungen sind:

  • Eptacog alfa aktiviert (NovoSeven)

  • Susoctocog alfa (Obizur)

  • Aktiviertes Prothrombin-Konzentrat (FEIBA)

Außerhalb der Zulassung, aber durch Empfehlungen der Fachgesellschaft unterstützt wird eine Blutungsprophylaxe mit Emicizumab (Hemlibra).

Außerhalb von Zulassungen, aber durch internationale Empfehlungen unterstützt ist eine Immunsuppression mit Glukokortikoiden, Rituximab und Cyclophosphamid.

9Literatur

  1. Tiede A, Collins P, Knoebl P, et al. International recommendations on the diagnosis and treatment of acquired hemophilia A. Haematologica 2020; 105(7): 1791-801. DOI:10.3324/haematol.2019.230771

  2. Tiede A, Susen S, Lisman T. Acquired bleeding disorders. Haemophilia 2024; 30 Suppl 3: 29-38. DOI:10.1111/hae.14995

  3. Tiede A, Rand JH, Budde U, et al. How I treat the acquired von Willebrand syndrome. Blood 2011; 117(25): 6777-85. DOI:10.1182/blood-2010-11-297580

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10[Kapitel nicht relevant]

11[Kapitel nicht relevant]

12[Kapitel nicht relevant]

13[Kapitel nicht relevant]

15Anschriften der Verfasser

Prof. Dr. Pierre Fontana
Hôpitaux Universitaires Genève
Rue Gabrielle-Perret-Gentil 4
CH-1211 Genève 14
Prof. Dr. med. Christina Hart
Klinik und Poliklinik für Innere Medizin III
Universitätsklinikum Regensburg
Franz-Josef-Strauss-Allee 11
93053 Regensburg
Univ.-Prof. Dr. Paul Knöbl
Allgemeines Krankenhaus -
Univ.-Klinik für Innere Medizin I
Klin. Abt. für Hämatologie
Währinger Gürtel 18-20
A-1090 Wien
Univ.-Prof. Dr. med. Steffen Koschmieder
Uniklinik RWTH Aachen
Med. Klinik IV
Hämatologie, Onkologie, Hämostaseologie & SZT
Pauwelsstr. 30
52074 Aachen
Prof. Dr. med. Florian Langer
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Med. Klinik II
Abteilung Hämatologie/Onkologie
Martinistr. 52
20246 Hamburg
Prof. Dr. med. Karsten Spiekermann
Klinikum der Universität München
Medizinische Klinik und Poliklinik III
Campus Großhadern
Marchioninistr. 15
81377 München
Univ. Prof. Dr. med. Andreas Tiede
Medizinische Hochschule Hannover
Klinik für Hämatologie, Hämostaseologie,
Onkologie und Stammzelltransplantation
Carl-Neuberg-Str. 1
30625 Hannover

16Erklärung zu möglichen Interessenkonflikten

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Reference:

Quellenangabe:

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